Der Begriff Wachkoma ist bislang kein Bestandteil der medizinischen
Nomenklatur. Bei dem im deutschen Sprachraum nach 1980 entstandenen Begriff
handelt es sich um den Versuch, dieses Krankheitsbild von seiner Akutphase bis
in seine frühen Remissionsphasen unter einer Bezeichnung zusammenzufassen.
Darin soll wiedergegeben werden, was Angehörige, Pflegekräfte und Mediziner bei
den Betroffenen beobachten: eine mögliche Unterscheidung zwischen Schlaf- und
Wachphasen (abgeleitet von unterschiedlichen Vitalwerten bei geöffneten und
geschlossenen Augen) und die Diskrepanz zwischen der durch die geöffneten Augen
suggerierten ‚Wachheit’ und der scheinbar vorhandenen Unfähigkeit dieser
Patienten, Umweltreize wahrzunehmen und auf diese gezielt zu reagieren.
Allein die Tatsache, dass in der Medizin diese
unterschiedlichen Bezeichnungen Wachkoma,
vegetative state, minimally conscious state, Apallisches Syndrom und coma vigile synonym verwendet werden,
zeigt, wie uneinheitlich das Verständnis ihrer Definitionen ist. Ihr manchmal
undifferenzierter Gebrauch ist Ausdruck einer grundlegenden Unsicherheit, die
durch die Konfrontation mit den betroffenen Menschen nicht nur bei Angehörigen
und Pflegenden, sondern auch bei Medizinern ausgelöst wird. Es stellt sich die
Frage nach dem medizinischen Wissensstand zu diesem Krankheitsbild.
Ursache für diesen Zustand sind meist erworbene
Hirnschädigungen aufgrund eines schweren Schädel-Hirn-Traumas, einer
Hirnblutung oder einer Sauerstoffunterversorgung (z. B. während einer
Reanimation). Bedingt durch die Fortschritte in Notfallrettung und Rehabilitationsmedizin
können immer mehr Betroffene erfolgreich behandelt werden. Diese überleben
nicht nur die Akutereignisse, sondern werden voll oder zumindest weitgehend
rehabilitiert. Einige aber verbleiben trotz aller medizinischer und
therapeutischer Zuwendung auf Dauer in dem Zustand des Wachkomas.
Erstmals beschreibt im Jahre 1940 Kretschmer in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie an Hand von
Falldarstellungen eine Erkrankung mit Ausfall aller Großhirnfunktionen bei
gleichzeitigem Absinken des zerebralen Funktionsniveaus auf die Mittelhirnebene
mit Auftreten von Mittelhirnenthemmungssymptomen. Kretschmer bezeichnete es als
ein Durchgangssyndrom, das sich weitgehend oder auch völlig zurückbilden kann.
Detaillierter wird dieses Krankheitsbild von der Entstehung, über seine
Entwicklung zum Vollbild bis in die Remissionsphasen 1967 von Gerstenbrand in einer Monographie
dargestellt. Bis heute wird auf der Basis dieser Arbeiten in der medizinischen
Fachterminologie des deutschen Sprachraums das Krankheitsbild als apallisches Syndrom bezeichnet
(a-pallisch = ohne Hirnmantel).
Jennett und Plum beschreiben 1972 ein analoges
Krankheitsbild und bezeichnen es als (persistent)
vegetative state. Sie selbst geben bereits ihrer ersten Veröffentlichung
den Untertitel „a syndrome in search of a name“. Mit diesem Zusatz
positionieren sich die beiden Autoren in der bereits damals im
anglo-amerikanischen Bereich geführten und bis heute international andauernden
Diskussion um die Terminologie, Abgrenzung und Problematik einer eindeutigen
Definition und Prognose dieses komplexen Krankheitsbildes. 1995 beschreiben Giacino und Zasler geringfügige Reaktionen von Betroffenen und bezeichnen
diesen Zustand als minimally conscious
state. Diese Bezeichnung wird 2003 durch die Definition der Brain Injury
Association of America international übernommen. Dabei wird übersehen, dass es
sich bei diesem Terminus nicht um eine neue Diagnose handelt, sondern um einen
Zustand, der einer bereits 1967 von Gerstenbrand genannten Remissionsstufen
gleicht.
Den Beschreibungen des Krankheitsbildes in der
internationalen Fachliteratur gemeinsam ist die Annahme eines Funktionsausfalls
(großer Teile) der Großhirnrinde mit vollständigem Verlust kognitiver
Potentiale bei erhaltener Hirnstammfunktion. Mögliche Remissionsphasen werden
unterschiedlich und oft wenig differenziert beschrieben. Zur prognostischen
Einschätzung kommen einige Studien zu dem Ergebnis, dass bei traumatischer
Ursache von einer deutlich besseren Prognose auszugehen ist als bei
Sauerstoffunterversorgung oder Hirnblutung. Auch scheint das Lebensalter der
Patienten eine Rolle zu spielen. Übereinstimmung herrscht weltweit bei der Annahme,
dass spätestens nach einem Residuum von mehr als 12 Monaten (einige
Literaturquellen sprechen inzwischen bei hypoxischen Schädigungen sogar von 3
Monaten) in dem Zustand des Vollbildes oder einer frühen Remissionsphase mit
einer Rückbildung nicht mehr zu rechnen sei.
Weltweit gibt es
bis heute aber keine medizinisch-wissenschaftliche Studie, die den
Langzeitverlauf dieses Krankheitsbildes nach einem Zeitraum von 18 Monaten
untersucht!
und
In Deutschland gibt
es bis heute keine gesicherten epidemiologischen Daten darüber, wie viele
Menschen von diesem Krankheitsbild betroffen sind!
Trotz dieses fehlenden Wissens werden die Irreversibilität
bei einem Residuum in diesem Zustand und das fehlende Bewusstsein dieser
Patienten weiter propagiert! Die im Widerspruch zur medizinischen Definition
stehenden Beobachtungen von Reaktionen durch Angehörige, Pflegende, Therapeuten
und Ärzte sind innerhalb der Medizin umstritten und werden häufig als
unwissenschaftlich abgelehnt. Dabei wird versäumt, den Eindruck, dass es sich bei
den beschriebenen Regungen um kognitiv gesteuerte Reaktion und somit Ausdruck
eines Bewusstseins dieser Menschen handeln könnte(!), wissenschaftlich zu
überprüfen.